...laut Reiseführer sollte der Monat September der beste für eine Reise in die Slovakei sein.
Wir lasen vom zu Unrecht vergessenem Land im Herzen Europas, dessen berühmte und gut erhaltene
Burgruinen und den grandiosen Wundern der Natur, wie zum Beispiel die hohe Tatra mit ihren über 2400m
hohen Gipfeln und hochgelegenen Bergseen...
Der Entschluß kam sehr spontan. Mein Bruder fragte mich, ob ich vielleicht Lust hätte, nach
einer seiner Studienprüfungen mit ihm eine kleine Motorradreise zu unternehmen. Der Wortlaut sah im
ICQ-Chat ungefähr so aus: Stephan: haste lust mit in die slovakei zu fahn? eine woche mit den moppeds?
knork: klar - wann?
Stephan: letzte Septemberwoche
knork: okay - geht klar - muß jetzt uffs klo - bis dann...
Stephan: okay - ich geh jetzt essen - cu...
Also gesagt, getan. Am Montag der letzten Septemberwoche stand mein Motorrad fertig gepackt
bereit für den kleinen Trip ins Slovakische. Die Vorbereitungen waren schnell abgearbeitet,
denn mehrere Urlaubstouren brachten einiges an Routine und Gelassenheit beim Verpacken der wichtigsten
Dinge mit sich. Es war morgens 8:30 Uhr als ich die Adventure aus dem Schlaf weckte.
Sie klang etwas unmotiviert, denn ich bin dieses Jahr nur 280! km auf ihr gefahren.
Meine Vaterschaft unterdrückte irgendwie die Lust auf jegliches Risiko - also ließ ich sie lieber stehen. kloppkloppklopppp... Aja, das ist es - irgendwie hab ich dieses Geräusch doch vermißt. Doch
was ist das? Irgendwie klingt der Motor heut beson- ders laut!?
Ich sah rechts herunter und bemerkte,
wie ein feiner Ölnebel meinen Stiefel und das Pflaster bedeckte. So ein Mist - das Revisionsglas
zum Einstellen des Ventil- spiels ist aus dem Motor gefallen. Am Tag davor hatten wir uns noch die
wildesten Szenarien ausgemalt - was würde wohl dieses Mal alles draufgehen? Ich hatte noch nie ein
Problem mit meiner KTM, doch mein Bruder mit baugleichem Motorrad hatte schon alles durch - vom zerplatzten
Kolben, bis zur defekten Elektrik.
Diese Erfahrungen und die daraus entstandene
Ruhe im Hinterkopf sagte er mir, was ich zu tun hätte.
Also Glas suchen - Glas und Bohrung entölen und
irgendwie wieder einkleben. Mit irgendeinem "Pattex Super X Hyper Kleber" oder so, hielt das ganze dann
und wurde zur Sicherheit dann auch noch mit Gewebeklebeband fixiert.
Vorab - zum Glück war dies der einzige Defekt im ganzen Urlaub. Also machten wir uns auf den Weg.
Als erstes standen wir eine Stunde an der Grenze zu Polen an - ehrlich gesagt, freue ich mich auf
die "EU-Osterweiterung". Der Weg bis zu unserem Ziel war völlig unspektakulär. Außer ein paar
Mißverständnissen über die Vorfahrtsregeln ist nichts aufregendes passiert. Die Landschaft nach
Hradek Kralove in Richtung Osten ist sehr trist und flach und unbewaldet.
Kaum in der Slovakei angekommen, änderte sich das Landschaftsbild. Die kleine Republik besteht zu
71% aus Gebirgen und Berglandschaften. Gleich nach Žilina suchten wir uns einen ruhigen Hügel für
die erste Nacht im Freien. Das Wetter war sehr angenehm und wir brauchten uns keine Gedanken über
zu dünne Schlafsäcke zu machen.
Die Spuren, die wir am Abend sahen, bestätigten am nächsten Morgen unsere Vermutung, daß wir mitten
auf einem Rinderpfad nächtigten. Kurz nach dem Aufstehen erblickten wir die erste Kuh, die von einem
Hügel über uns auf uns herabsah, gefolgt von einer zweiten, dritten... .
Wir machten also den Weg etwas breiter und hofften, daß sich diese neugierigen Viecher nicht zu sehr
an unseren Klamotten zu schaffen machen.
Nachdem wir die Schleimspuren (Wiederkäuer haben im- mer so
Sabber am Mund) von unserer Kleidung entfernt hatten und ich sicherstellte, daß weder meine Thermomatte
noch mein Stativ von einem darüberstolpernden Milchvieh in Mitleiden- schaft gezogen wurden, packten wir
zusammen und fuhren weiter in Richtung Große Tatra.
Im mit 1350m höchstgelegenen Ort der Slovakei, Štrbské Pleso, nahmen wir uns dann für 10,-EUR pro Person
ein Zimmer in einem Hotel und das war gut, denn am nächsten Tag umhüllte dichter Nebel diesen Ort.
Motorradfahren macht bei so einem Wetter nicht besonders viel Spaß, also
einigten wir uns auf "Wandern" und nahmen den 2490m hohen Kriván in Angriff. Daß der Auf- und Abstieg ca. 8h
dauern würde, verschwieg mir mein Bruder, der den Gipfel im Reiseführer aussuchte.
Es begann zu regnen und wir sahen vor lauter Nebel selten weiter als 50m. Dennoch hofften wir auf
einen grandiosen Blick auf die Wolken, wenn wir erst den Berg bezwungen hätten. Meine neuen Schuhe
waren Mist. Ich dachte, ich könnte sie in kurzer Zeit einlaufen, aber sie gaben nicht nach. Stattdessen
taten dies meine Zehen. Irgendwann fing mein Rücken - ein altes "Kriegsleiden" - an, zu schmerzen und als
der Weg in Geröll und schließlich in Bergsteigerterrain überging und es dann auch noch zu schneien begann,
traten wir den Rückzug an. Wir schätzten, daß der Gipfel ca. 50 - 100m über uns lag. Genau wußten
wir es aber nicht, da der Nebel auch in dieser Höhe nur wenig dünner wurde.
Ein wenig enttäuscht ob unserer mangelnden Leistungsfähigkeit und demoralisiert durch die zwei
Slovaken, die mit ihren Sportdressen und Trinkrucksäcken an uns vorbeisprangen wie Bergziegen, kamen wir
oder besser gesagt ich, völlig fertig unten an. Es ist erstaunlich, wie kaputt ein 26-jähriger Körper
schon sein kann - mein Rücken ist die Hölle.
Deprimiert rief ich meine Freundin an und sagte, daß wir wahrscheinlich am nächsten Morgen in Richtung
Heimat auf- brechen werden, denn weder Regen noch Nebel ließen bis zur Däm- merung nach.